Der Kaiser und die Trespe

KanTrespen einen ein Gras begleiten? Ein komischer Gedanke, doch mir ging es so. Die Aufrechte Trespe hat mich bei meinem Umzug von der Ostalb ins Allgäu begleitet. Hier wie da erhebt sich ihre zierliche Gestalt aus Wiesen und Wegrändern. Eigenwilliger Zufall: Während der Umzugswochen habe ich eine Romanbiographie über den Stauferkaiser Friedrich II. gelesen. „Mann aus Apulien“ von Horst Stern. Und siehe da, auch Friedrich II. ist die Trespe aufgefallen – über Ländergrenzen und einen Abstand von Jahrzehnten hinweg reflektiert er über ihre Gestalt und ihr Vorkommen.

Erstaunlich, dass einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters ein Gras überhaupt wahrnimmt. Und erst recht erstaunlich, wie Friedrich die  Aufrechte Trespe (botanische Bezeichnung: Bromus erectus) in seine Betrachtungen über die Phänomene der Natur und der Landschaft einbindet. Beginnend mit Überlegungen zum „Gesetz des Kreises in der Natur“, kommt Friedrich über die Ausnahmen dieser Regel – die Gräser mit ihrer „Schwertgestalt“ – schließlich auch auf die Trespe und deren Vorkommen auf den Hängen seiner apulischen Heimat.

Von da wandern Friedrichs Gedanken zu seinem erstem Aufenthalt in Deutschland: „. . .  bewahrte ich in einer Jugenderinnerung ein deutsches Landschaftsbild, in welchem ein Gras, das man mir mit dem Namen Trespe bezeichnete, die pflanzliche Leitgestalt einer Vegetation von großer Schönheit und Absonderlichkeit ist. Absonderlich insofern, dass ich in dieser Landschaft meine mediterrane Heimat wiederbetrat, obwohl ich doch drei Reitmonate von meinem Südreich entfernt war.“ Ein einfaches Gras, die Trespe ist es demnach, die dem Ersten nach Gott – so einer der Titel Friedrichs II. – Heimatgefühle vermittelt. Was für eine Aussage!

Und damit nicht genug: Auch bei seinem zweiten Deutschlandaufenthalt zwanzig Jahre später trifft der Stauferkaiser auf die Trespe, diesmal als er mit dem Naturwissenschaftler Albertus Magnus am Kaiserstuhl zu einem lockeren Austausch im Freien unterwegs ist. Diesmal allerdings kommt das bereits gelb gewordene Süßgras weniger gut weg. Das Gespräch über die Trespe gipfelt in dem Vergleich „Bromus erectus … verhalte sich zum saftigen Laub der weichen Rheinauengehölze wie ein trockener Bettelmönch zum saftigen römischen Kaiser“. Und die beiden Männer kriegen sich vor Lachen kaum mehr ein.

Wer mFriedrich-IIehr erfahren möchte über Friedrichs II. erstaunliche Gedankengänge, die vor nichts und niemand Halt machen, auch nicht vor Gott – der Exkurs über die Trespe ist nur ein Beispiel von vielen –  dem empfehle ich Sterns Klassiker von 1968 wärmstens.

Stern, Horst: Mann aus Apulien. Die privaten Papiere des italienischen Staufers Friedrich II., römisch-deutscher  Kaiser, König von Sizilien und Jerusalem, Erster nach Gott, über die wahre Natur der Menschen und der Tiere, geschrieben 1245 – 1250, München 1986

Plot ins Blaue: „Euphoria“ – II

Titelbild "Euphoria" von Lily KingDie emotionale und intellektuelle Dreiecksgeschichte, die zwischen dem britischen Anthropologen Andrew Bankson und dem amerikanischen Forscherehepaar Nell Stone und Schuyler Fenwick, genannt Fen, im Regenwald von Neuguiniea ihren Lauf nimmt, entwickelt sich in der Tat dramatisch weiter. Es gibt Tote, doch nicht so wie ich in meiner Plotversion vermutete. Weiterlesen